Antwort
Ein Abszess ist eine abgekapselte Eiteransammlung in einem neu entstandenen Hohlraum. Er hat drei Eigenschaften, die jedes Antibiotikum ausbremsen:
Keine Durchblutung im Inneren. Der Wirkstoff wird über das Blut verteilt; in die abgekapselte Höhle gelangt er kaum. Was nicht ankommt, kann nicht wirken.
Saures, sauerstoffarmes Milieu. Es setzt mehrere Wirkstoffgruppen außer Kraft — Aminoglykoside wirken hier gar nicht, weil ihre Aufnahme in die Bakterienzelle Sauerstoff braucht.
Ruhende Bakterien. Beta-Lactame wirken nur auf wachsende Zellen, weil sie die Zellwandsynthese hemmen. Im Abszess wächst wenig.
Deshalb gilt der chirurgische Grundsatz „ubi pus, ibi evacua“ — wo Eiter ist, dort entleere ihn. Die Entlastung ist die Therapie, das Antibiotikum begleitet sie.
Vorgehen in der Apotheke
Dasselbe Prinzip — die Herdsanierung — gilt für eine Reihe weiterer Situationen, und sie zu nennen zeigt Übersicht:
Der infizierte Katheter muss gezogen werden;
der Fremdkörper muss heraus;
der kariöse Zahn muss behandelt werden;
die infizierte Prothese muss oft ausgebaut werden;
das Empyem muss drainiert werden.
Für die Apotheke folgt daraus eine wichtige Beratungsbotschaft: Wenn ein Patient mit einem Abszess ein Antibiotikum bekommt und der Arzt eine Spaltung angesetzt hat, ist der Eingriff nicht verhandelbar — auch wenn es unter dem Antibiotikum vorübergehend besser wird.
Kleine Abszesse — Furunkel — können reifen und sich von selbst entleeren; dabei helfen Zugsalbe und Wärme. Nicht ausdrücken: Das verschleppt die Keime in die Tiefe.
Furunkel im Gesicht, besonders an Oberlippe und Nase, sind ein Notfall: Über die Venen besteht eine Verbindung zum Schädelinneren, und es droht eine Sinusvenenthrombose. Dort gilt: nicht drücken, nicht kauen, sprechen vermeiden, sofort zum Arzt.
Merke
Wo Eiter ist, muss er heraus — kein Wirkstoff erreicht die abgekapselte Höhle.