Frakturen, Kompartmentsyndrom, Polytrauma und Gelenkverletzungen – mit Klassifikationen, Zeichen und dem Ablauf der Erstversorgung.
Beispielfrage 1 von 94 · aus der App
Wie behandeln Sie Kompartmentsyndrom?
Antwort
Das Kompartmentsyndrom ist ein chirurgischer Notfall. Die einzige kausale Behandlung ist die Spaltung der Faszien; alles andere sind Überbrückungsmaßnahmen.
Diagnostik
Parallel Labor mit Kreatinkinase, Myoglobin, Kalium, Kreatinin und Blutgasanalyse zur Erfassung einer Rhabdomyolyse. Bei Zweifeln Logendruckmessung: Handlungsbedarf ab etwa 30 Millimeter Quecksilbersäule oder bei einer Differenz zum diastolischen Druck unter 30.
Therapie
Sofort alle einengenden Verbände und Gipse zirkulär spalten, auch die Polsterung. Extremität auf Herzhöhe lagern, nicht hochlagern, weil eine Hochlagerung den arteriellen Perfusionsdruck weiter senkt. Ausreichende Analgesie und Sauerstoff. Bestätigt sich der Verdacht, folgt unverzüglich die Dermatofasziotomie aller betroffenen Logen; am Unterschenkel werden alle vier Kompartimente über zwei Inzisionen gespalten. Die Wunde bleibt offen, der Verschluss erfolgt sekundär nach Abschwellen.
Komplikationen
Bei Rhabdomyolyse forcierte Diurese mit reichlich kristalloider Infusion, Kontrolle von Kalium und Nierenfunktion, gegebenenfalls Dialyse. Nekrotisches Gewebe wird bei der Revision abgetragen.
Merke
Die Diagnose ist klinisch, und im Zweifel wird gespalten. Eine unnötige Fasziotomie ist verkraftbar, eine zu späte führt zu Muskelnekrose, Volkmann-Kontraktur oder Amputation.
Beispielfrage 2 von 94 · aus der App
Was ist Polytrauma?
Definition
Gleichzeitig bestehende Verletzungen mehrerer Körperregionen, von denen wenigstens eine für sich allein oder erst im Zusammenspiel mit den übrigen das Leben bedroht. Objektiviert wird das über einen Injury Severity Score von 16 oder mehr.
Diagnostik
Versorgung im Schockraum nach dem cABCDE-Schema: zuerst kritische Blutung stillen, dann Atemweg mit Halswirbelsäulenschutz, Beatmung, Kreislauf, neurologischer Status und Entkleiden unter Wärmeerhalt. Parallel eFAST und Röntgen von Thorax und Becken. Beim stabilisierten Patienten folgt das Ganzkörper-CT als Polytrauma-Spirale.
Therapie
Blutungskontrolle hat Vorrang: Beckenschlinge, Tourniquet, Tranexamsäure innerhalb von drei Stunden. Massivtransfusion in ausgewogenem Verhältnis von Erythrozytenkonzentraten, Plasma und Thrombozyten. Permissive Hypotension bis zur chirurgischen Blutstillung. Bei instabilem Patienten Damage-Control-Surgery statt definitiver Versorgung.
Komplikationen
Die tödliche Trias aus Hypothermie, Azidose und Koagulopathie, später Lungenversagen, Sepsis und Multiorganversagen.
Merke
Der Wärmeerhalt beginnt schon präklinisch. Ein ausgekühlter Patient gerinnt nicht, und ohne Gerinnung ist die Blutung chirurgisch kaum zu beherrschen.
Beispielfrage 3 von 94 · aus der App
Was sind sichere Frakturzeichen?
Antwort
Sichere Frakturzeichen sind abnorme Beweglichkeit, Krepitation, sichtbare Fehlstellung mit Achsabweichung, sichtbare Knochenfragmente bei offener Fraktur und der radiologische Nachweis des Bruchspalts.
Klinik
Diagnostisch folgt das Röntgenbild in zwei Ebenen mit Darstellung der angrenzenden Gelenke. Bei fortbestehendem Verdacht trotz unauffälligem Bild — klassisch bei der Skaphoidfraktur und bei Ermüdungsbrüchen — folgen Ruhigstellung mit Kontrolle nach 10 bis 14 Tagen, Computertomographie oder Magnetresonanztomographie. Beim Kind ist zusätzlich die Fraktursonographie etabliert.
Diagnostik
Unsichere Zeichen sind dagegen Schmerz, Schwellung, Hämatom, Rötung, Überwärmung und Funktionseinschränkung. Sie kommen ebenso bei Prellung, Distorsion, Bandverletzung und Luxation vor. Ihr Fehlen schließt eine Fraktur nicht aus — Ermüdungsbrüche und Frakturen ohne Verschiebung können mit minimalen Beschwerden einhergehen.
Therapie
Wichtig ist die Untersuchungstechnik: Abnorme Beweglichkeit und Krepitation dürfen nicht aktiv geprüft werden. Sie werden allenfalls beiläufig bemerkt; das gezielte Auslösen ist schmerzhaft und kann Gefäße, Nerven und Weichteile zusätzlich schädigen sowie eine geschlossene in eine offene Fraktur verwandeln. Geprüft und dokumentiert werden stattdessen immer Durchblutung, Motorik und Sensibilität distal der Verletzung — vor und nach jeder Maßnahme.
Merke
Der Kernsatz: Ein unauffälliges Röntgenbild schließt eine Fraktur nicht aus. Bei klinischem Verdacht wird ruhiggestellt und kontrolliert, nicht entlassen. Und die übersehene Skaphoidfraktur ist der klassische Fall, der zur Pseudarthrose mit Nekrose führt.